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Selbstbauweichen

Schlanke Weichen mit vorbildgerechten Herzstücken finden sich leider nicht im Programm der Modellbahnindustrie.

Fotos: Volker Martin

 

 

Profile

Bei unserem aktuellen Bauprojekt „Spitzkehre im Thüringer Wald“ legen wir besonderen Wert auf ein vorbildgerechtes Gleissystem. Nach ausgiebigen Tests schieden alle Industrieprodukte aus. Lediglich das Flexgleis von Peco erfüllte die Erwartungen. Es verfügt über einen schlanken Schienenkopf und über eine gute Legierung der Neusilberprofile. Außerdem lässt es sich leicht verlegen. Das Roco-Profil wirkt dagegen klobig, insbesondere das auf den Plastikverbindungen der Schwellen aufliegende Gleisprofil wirkt wenig überzeugend. Das optisch hervorragende Tillig-Gleis schied aufgrund der Brünierung aus. Selbst ein „blank“ gefahrener Gleiskopf dunkelt innerhalb kurzer Zeit nach, da sich der chemische Prozess nicht stoppen lässt. Unsere Bedenken gingen daher in Richtung Stromübertragung.

Industrieweichen

Noch schwieriger wird die Wahl der Weichen. Für die Tillig-Produkte gilt das oben gesagte: Optisch hui, technisch bedenklich. Die Roco-Weichen sind völlig indiskutabel. Das Herzstück hat mit dem Vorbild nichts gemein und man muss sich entscheiden, ob man mit NMRA- oder mit RP 25-Radsätzen fahren möchte. Beides geht nicht. Bleibt Peco. Wem das englische Schwellenmaß nicht stört – nach dem Einschottern fällt es kaum auf – der kann mit diesen Weichen glücklich werden. Ist erst einmal die klobige Stellschwellenmechanik entfernt, verfügt man über schlanke Weichen mit einem dem Vorbild sehr nahe kommenden Herzstück. Lediglich die Gelenkzungen sind dem Puristen dann noch ein Dorn im Auge. Wir setzen die sehr betriebssicheren und relativ preiswerten Peco-Weichen im Abstellbahnhof ausschließlich ein.

Bausätze

Bei den Bausätzen wurde man in der Code 100-Ära schnell bei Schullern (vormals Nemec) fündig. Exzellente Weichenbausätze mit einer hervorragenden Verarbeitungsqualität, wäre da nicht das 2,5 mm hohe Profil. Die Weichen der Hobbyecke Schuhmacher gefielen uns bezüglich der Verarbeitungsqualität nicht und wer sich erst einmal für einen Bausatz entschieden hat, der ist vom kompletten Selbstbau nicht mehr weit entfernt.

... und schließlich der komplette Selbstbau

Unser Clubmitglied Andreas Göke ergriff die Initiative und verschwand wochenlang mit Holzschwellen und Peco-Profilen in der Werkstatt. Die ersten Ergebnisse konnten sich sehen lassen, doch auf der Anlage „Spitzkehre im Thüringer Wald“ kamen seine Weichen der zweiten Generation zum Einsatz, die eigentlich nur ein Prädikat verdienen: Perfekt! Vor dem Bau einer Weiche wird der gewünschte Fahrweg mit Hilfe von Flexgleisen auf der Anlage fixiert und anschließend auf transparentem Papier übertragen. Durch diese Vorgehensweise erhält man Weichen, die genau auf die gewünschte Situation abgestimmt sind und man muss den Gleisverlauf nicht nach den vorgegebenen Abzweigradien der Hersteller festlegen. Außerdem erhält das Gleisbild durch die unterschiedlichen Weichen ein wesentlich gefälligeres Aussehen. Allein diese Tatsache rechtfertigt den Selbstbau-Aufwand.

So wird’s gemacht

Nachdem die gewünschte Weichenform auf das Transparentpapier übertragen wurde, geht es an den eigentlichen Bau der Weiche. Passend zu den Flexgleisen kommen Peco-Profile zum Einsatz - die beste Wahl bezüglich Optik und Verarbeitungsqualität. Insbesondere der schlanke Schienenkopf kann voll überzeugen, denn es kommt nicht alleine auf die Höhe der Profile an.

Für den Weichenunterbau verwenden wir Pertinax-Platten, wie man sie in jedem Elektronik-Geschäft bekommen kann. Auch die Schwellen, die zuvor auf das Transparentpapier gezeichnet wurden, werden aus diesem Material herausgesägt. Später muss man die leitende Schicht trennen, um keine elektrische Verbindung zwischen den Schienen zu erzeugen. Sinnvollerweise legt man die Trennung direkt an die Schienen und nicht in die Mitte der Schwelle. Dadurch erspart man sich das mühsame Verschmieren der so kaum sichtbaren Trennstellen.

Sind die Schwellen auf die Pertinax-Grundplatte aufgebracht, werden die Schienenprofile passend abgelängt. Im Bereich des Herzstückes ist viel Gefühl erforderlich, um eine wirklich spitze Herzstückspitze zu erhalten. Die Profile an der Herzstückspitze werden nach der Zeichnung als erstes miteinander verlötet. Ebenso viel Fingerspitzengefühl erfordern die Zungen, die ebenfalls aus den Peco-Profilen herausgearbeitet werden. Ein Messingdraht dient später als Stellstange. Übrigens wird der Antrieb der Stellmechanik in unserem Fall nicht zwischen die Zungen gesetzt. Vielmehr steuert unser Selbstbauantrieb die Weichenlaterne und von dort aus seitlich die Stellstange - wie beim Vorbild.

Sind diese Vorarbeiten erledigt, können die Schienenprofile mit der Flamme auf die Pertinax-Schwellen gelötet werden. Hierzu sind unbedingt genügend Spurlehren erforderlich. Auf die Nachbildung der Kleineisen kann man getrost verzichten. Im eingeschotterten und lackierten Zustand sind die Halterungen im H0-Maßstab kaum mehr zu erkennen. Wer sie dennoch nachbilden möchte, dem seinen Schienennägel (z.B. von der Hobby-Ecke Schuhmacher) empfohlen. Dazu müssen neben den Gleisen die Löcher für die Aufnahme der Nägel vorgebohrt werden. Bei unserem Großprojekt haben wir gerne auf diese Arbeit verzichtet.

Ist die Weiche vormontiert, erfolgen Probeläufe mit Fahrzeugen verschiedener Hersteller. Auch sollte man prüfen, ob RP25-Radsätze nicht in die Herzstücklücke fallen und NMRA-Radsätze nicht auflaufen. Als abschließende Arbeit müssen noch die Radlenker angefertigt werden, wieder aus Profilen des Peco-Flexgleises.

Nicht vergessen darf man die Trennstellen vor und hinter dem Herzstück. Aufgrund der leitenden Pertinax-Schwellen benötigen Backenschienen und Zungen keine elektrische Verbindung. Eine Polarisierung des Herzstückes sollte selbstverständlich sein.

Einbau und Farbgebung

Bei den von uns verwendeten Pertinax-Platten ergab sich zwischen Weichen und Flexgleisen eine Höhendifferenz von einem Millimeter. Daher haben wir als Bahndamm und Geräuschdämmung für die Flexgleise 4mm starke Korkstreifen gewählt, für die Weichen 3mm starke Korkplatten.

Mit Zweikomponentenkleber wird die Weiche auf der Korkplatte fixiert. Sind alle Gleise verlegt, erhalten sie mit der Spritzpistole einen rostigen Anstrich. Wir verwenden eine Mischung aus den Farbtönen Nr. 63 und 171 von Humbrol im Mischungsverhältnis 3:1. Der Anstrich kann getrost zwei Mal erfolgen und zuvor müssen die Profile selbstverständlich gründlich entfettet werden. Im Bereich der Stellstange kommt außerdem ein Hauch schwarzer Farbe zum Einsatz. Sollten die Zungen die Farbschicht durch die Bewegung abscharben, können die Schwellen auch in diesem Bereich zuvor brüniert werden.

Als Schotter verwenden wir ausschließlich die optisch hervorragenden Produkte von Asoa. Der Schotter wird trocken aufgestreut und mit dem bekannten Weißleim-Wasser-Spülmittel-Gemisch fixiert. Der spezielle Asoa-Kleber konnte uns nicht überzeugen.

Nach der Trocknung erhält das ganze Gleisbett noch einen feinen Überzug mit der zuvor verwendeten Farbe für die Schienenprofile. Je nachdem, wie sehr die Alterung des Schotterbettes ausfallen soll, muss die Dosierung mit der Spritzpistole gewählt werden. Die so entstandene Gleisanlage kann sowohl optisch, als auch technisch voll überzeugen.

Der Weichenantrieb

Natürlich wollten wir einen Motorantrieb. Die Ernüchterung kam beim ersten Besuch eines Eisenbahnfreundes: "Lernen Sie doch Trompete spielen, dann können Sie zu dem Motorgeräusch die zweite Stimme blasen", lautete der vernichtende Kommentar zu dem - zugegebenermaßen nicht ganz leisen - Großserienprodukt. Fündig wurden wir bei Conrad Elektronik. Ein einfacher Motorantrieb dient als Grundlage für einen sauber laufenden, geräuscharmen Weichenantrieb. Und günstig ist die Lösung obendrein. Allerdings treiben wir nicht die Stellschwelle mit einem Stelldraht an. Die Bewegung wird in eine Drehbewegung umgesetzt, die auf die Weichenlaterne (Fabrikat Weinert) wirkt. Von dort wird die Bewegung wieder umgesetzt und die Stellschwelle von der Seite her angetrieben. Wie beim großen Vorbild. Natürlich erhält der Antrieb auch zusätzliche Schalter für die Polarisierung des Weichenherzstückes.

Bei der Beleuchtung der Weinert-Laterne hat sich Andreas Göke etwas Besonderes einfallen lassen. Statt das Licht durch den Lichtleiter zu schicken - das ist viel zu dunkel - wird eine LED so zurechtgefeilt, dass sie in dem Laternenkasten noch Platz findet. Eine gelbe LED gibt dabei ein warmes Licht ab, das dem Vorbild sehr nahe kommt.

© 2001 Volker Martin

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